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Von Manfred Becker-Huberti

Die Mantelteilung

Um das Jahr 334 – Martin war 18 Jahre alt – ist der junge Mann im französischen Amiens stationiert. An einem kalten Wintertag bittet ein unbekleideter Mann die Vorbeiziehenden um eine Spende. Martin, der nicht viel besitzt, sich aber die Frage stellt, wie er dem Armen helfen kann, teilt mit einem Schwert kurzerhand seinen Umhang und gibt dem Frierenden die eine Hälfte.
Die Teilung des Soldatenmantels mit dem Bettler und ihre - im Traum des Martin erfolgte - durch Christus selbst vollzogene Anerkennung als religiöse Liebestat wird als „Szene der Wohltätigkeit“ bezeichnet. Der noch nicht getaufte Martin handelt konsequent nach Christi Auslegung von Gottes Liebesgebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12, 31; Mt, 22, 39) und erfährt im Traum die Bestätigung von Christus: „Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das hast du mir getan“ (Mt 25, 40). In Martins Tun leuchtet die Konsequenz christlichen Lebens auf.

Drei verschiedene Bedeutungsebenen

Die Mantelteilung Martins hat als symbolisches Tun drei verschiedene Bedeutungsebenen: auf der ersten, der profanen Ebene ist die Teilung widersinnig, bloß Verlust. Wer teilt, bringt sich um die Hälfte seines Besitzes. Auf der zweiten, der sozialen Ebene wird aus dem Verlust ein Gewinn, denn Teilen macht Freude, weil überwundener Egoismus und überwundener egozentrischer Individualismus Gemeinschaft ermöglichen. Auf der dritten, der christlichen Bedeutungsebene geschieht das Teilen nicht nur aus humanistischen Gründen, sondern die humanen Folgen ergeben sich aus dem Beispiel Christi: Teilen heißt: wie Christus handeln. Bleibt die zweite Bedeutungsebene bei dem humanen Prinzip stehen: „Ich gebe, damit auch du mir gibst“, überhöht die dritte, christliche Ebene: Ich gebe, weil auch Gott mir gegeben hat. Zu der bloß horizontalen Beziehung ist eine vertikale hinzugekommen, die die horizontale Beziehung nun bestimmt.

Die Mantelteilung ist außerdem ein Teil, das auf das Ganze verweist: So wie sich in der Tat die Essenz christlicher Glaubens- und Lebenshaltung zeigt, so zeigt die Tat selbst die christliche Grundhaltung: dem Nächsten beistehen, als sei er Christus selbst. Die Mantelteilung ist für Hagiographie (die Lehre von der Lebensbeschreibung von Heiligen) und Ikonographie (Lehre der Deutung von Motiven in der bildenden Kunst) stets die Schlüsselszene Martins gewesen. Bis zum 19. Jahrhundert war sie jedoch ohne wesentliche Brauchrelevanz. Erst durch die katechetische und hagiographische Ausrichtung des jüngeren Mar-tinsbrauchtums gerät sie in das Zentrum.

Neu zu entdecken ist an der Mantelteilung jene Darstellungsform, die den Bettler unter dem Mantel stehend oder kniend zeigt. Angespielt wird hier auf den alten römischen Rechtsbrauch „sub pallio cooperire“, das „unter den Mantel nehmen“ desjenigen, der einen Patron anerkennt. Der Patron übernimmt nun ihm gegenüber Pflichten, und der unter dem Patronat Stehende ist dem Patron verpflichtet. In der christlichen Ikonographie ist aus dem alten römischen Rechtsbruch der Schutzmantel geworden, unter den man sich vor allem bei der Gottesmutter Maria, aber auch bei Ursula oder anderen flüchten kann. Der halbe Mantel Martins hat auch diese Rolle gespielt: Als Reichskleinod begleitete er die Franken in viele Schlachten.

Materialien zum Martinsfest

Teilen wie Sankt Martin

Alle, die in der Kindertagesstätte, Schule oder Gemeinde das Martinsfest vorbereiten, finden in unseren Materialien zahlreiche Anregungen zur Gestaltung und Umsetzung: Geschichten, Lieder, Gottesdienstbausteine, Bastelideen und ein großes Aktionsplakat.

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Das Sternsingen ist im Dezember 2015 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden.