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Tschad

Engagement gegen Mädchenbeschneidung

„Ich war 12 Jahre alt und wäre während der Beschneidung fast gestorben, weil ich so viel Blut verloren habe.“ Jacqueline ist heute erwachsen, doch die Erinnerung an das grausame Ritual bringt nach wie vor das Trauma in ihr hervor. Alle neun Mädchen aus Jacquelines Familie wurden beschnitten. – Gegen den Willen ihres Vaters.

Vor allem die Mütter und Tanten verteidigten die jahrhundertealte Tradition, die für die Mädchen lebensgefährlich sein kann. „Unsere Mutter täuschte uns, versprach uns Geschenke, goldene Ohrringe, wenn wir bei der Beschneidung nicht weinen“, erzählt Jacqueline.

Ein Brauch, der Leben gefährdet

Bis heute wird die weibliche Genitalverstümmelung bei der Ethnie Sara im Südtschad als Brauch der Erwachsenwerdung angesehen. Anschließende Geschenke und Tänze für die Mädchen drücken das Ansehen aus. Die meisten der zehn- bis 15-jährigen Mädchen werden nach dem Ritual verheiratet und brechen die Schule ab. Die Risiken und Folgen der Genitalverstümmelung sind weitreichend: Blutungen, Infektionen, HIV, Tod, Komplikationen bei der Geburt, psychische Schäden.

Trotz gesetzlichen Verbots wird die Genitalverstümmelung weiterhin praktiziert. Die Regierung bleibt untätig. „Die derzeitigen Mitglieder der Regierung sind sogar für die Beschneidung, sie lassen ihre eigenen Töchter beschneiden“, erklärt Jacqueline.

Mut zur Aufklärung

Der Bischof von Sarh verfasste 2004 einen Pastoralbrief, in dem er diese Praktiken verurteilte und zur Stärkung der Frau in der Gesellschaft aufrief. Seit dem institutionalisierte die Diözese ein Programm, dass sich intensiv mit der Sensiblisierung für das Thema Mädchenbeschneidung beschäftigt.

Jacqueline engagiert sich mittlerweile seit fast 20 Jahren im Kampf gegen Genitalverstümmelung. Sie ist die Koordinatorin des diözesanweiten Projekts, das vom Kindermissionswerk ,Die Sternsinger‘ unterstützt wird. Regelmäßig organisieren engagierte Frauen ehrenamtlich Camps in vielen Dörfern der Diözese: Hier sprechen sie mit den Mädchen über das Thema, tauschen Erfahrungen aus und informieren sie, wie gefährlich das Ritual der Beschneidung ist. Ältere Mädchen erzählen von ihrem Schicksal und ermutigen die Jüngeren, sich zu widersetzen.

Fortschritte bereits sichtbar

Nach mehr als 15 Jahren Engagement sieht Jacqueline klare Fortschritte. Als sie damals mit ihrer Arbeit begann, war es im Sara-Milieu ein Tabu, überhaupt über Beschneidung zu sprechen. „Heute sehen wir Frauen, die selbst beschnitten sind, auch ihre älteren Töchter noch haben beschneiden lassen und heute ,Nein‘ zur Beschneidung ihrer jüngeren Töchter sagen.“ Früher seien die Beschneidungen auch öffentlich zu sehen gewesen. Heute geschieht das Ritual im städtischen Sarh versteckt. „Auch das ist ein großer Gewinn. Wir haben damit Gewohnheiten verändert“, sagt Jacqueline.

Die Aufklärungsarbeit habe eine positive Kettenreaktion zur Folge. Dadurch dass sich immer mehr Mädchen gegen die Bescheidung entscheiden, besuchen auch mehr von ihnen weiter eine Schule. Die gebildeten Frauen und Männer wiederum seien die treibende Kraft zur Stärkung der Frauenrechte. Dies könne weiter ausstrahlen und langfristig auch andere Frauen in ländlichen Gebieten und anderen Städten beeinflussen und ermutigen.

„Bei der Aufklärungsarbeit geht es nicht nur um den Kampf gegen Genitalverstümmelung. Es wird ein neues Frauenbild propagiert. Das ist ein erster wichtiger Schritt, die Rechte der Frauen insgesamt zu stärken."

Annette Funke, Sternsinger-Länderreferentin Tschad

Fakten zur Genitalverstümmelung weltweit

  • Laut eines UNICEF-Berichts aus dem Jahr 2013 müssen weltweit 125 Millionen Mädchen und Frauen mit den Folgen von Genitalverstümmelung leben. Die Weltgesundheitsorganisation geht von 100-140 Millionen aus. Die Deutsche Stiftung für Weltbevölkerung spricht sogar von 200 Millionen Betroffenen.
  • Jedes Jahr werden schätzungsweise drei Millionen Mädchen an ihren Genitalien beschnitten – das sind mehr als 8.000 Eingriffe pro Tag.
  • Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine tiefgreifende Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität. Seit 1993 gilt sie offiziell als Menschenrechtsverletzung.
  • UNICEF hebt hervor, dass Mädchen in allen 29 Ländern in Afrika und im Mittleren Osten, in denen die Mädchenbeschneidung praktiziert wird, zwar deutlich seltener Opfer von Genitalverstümmelung werden als noch ihre Mütter. Deutliche Fortschritte gibt es in Irak, Kenia, Liberia, Nigeria, Tansania und der Zentralafrikanischen Republik.
  • Trotz massiver Aufklärung und einem Wertewandel hat sich in einigen Ländern wie Ägypten, Dschibuti, Guinea, Somalia und Tschad in den vergangenen Jahren allerdings wenig verändert: Hier werden weiter mehr als 90 Prozent der Mädchen beschnitten.