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Interview: Sternsinger-Partner kämpft in Ghana gegen Kinderarbeit

Bereits 200 Kinder aus Zwangsarbeit befreit

Fred Amenga leitet seit knapp 20 Jahren ein Programm gegen Kinderhandel und Kinderarbeit in der Diözese Bolgatanga in Ghana, an der nördlichen Grenze zu Burkina Faso. Gemeinsam mit elf Mitarbeitern kümmert sich der 49-Jährige um Kinder aus Zwangsarbeit und versucht sie in ihre Ursprungsfamilie zu reintegrieren. Über 200 Kinder konnte der studierte Sozialarbeiter in den vergangenen Jahren in ein neues Leben begleiten. Die Sternsinger stehen ihm dabei seit sechs Jahren als Partner zur Seite.

Herr Amenga, was ist der Hauptgrund für Kinderarbeit in Ghana?

Die Kinder haben Hunger. Sie wachsen auf mit ein bis zwei kleinen Mahlzeiten pro Tag. Und dann bietet ihnen jemand an: „Wenn du diese Steine für mich klopfst, gebe ich dir etwas zu essen.“ – Extreme Kinderarmut und die Tatsache, dass es Erwachsene gibt, die das ausnutzen, sind der Ursprung des Problems.


Zu welchen Arbeiten werden die Kinder gezwungen?

Viele Kinder werden rekrutiert, um in Minen zu arbeiten, Steine abzubrechen, Gold zu schürfen. Der Bergbau in unserer Region hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Andere Kinder müssen auf Kokosnuss-Plantagen arbeiten. Junge Frauen werden als Prostituierte missbraucht, junge Männer zu harter Arbeit auf großen Bauernhöfen gezwungen.

Was zur Folge hat, dass diese Kinder nicht mehr zur Schule gehen können ...

Ja, viele verlassen die Schule. Es ist nicht so, als wenn sie zwei Stunden arbeiten könnten und dann dafür bezahlt werden. Sie müssen den ganzen Tag arbeiten. Gleichzeitig zur Schule zu gehen funktioniert nicht. Viele Kinder denken sich daher: Warum soll ich meine Zeit in der Schule vergeuden, wenn ich stattdessen arbeiten und mir von dem Lohn etwas zu essen kaufen kann.


Das Problem der Kinderarbeit steht in Ghana in direktem Zusammenhang mit Kinderhandel. Wie genau?

Die Schlepper entführen vor allem Kinder aus den armen ländlichen Regionen und bringen sie in die größeren Städte. Sie erzählen ihnen, dass sie dort Geld verdienen, mit dem sie später in ihre Heimat zurückkehren können. Im Endeffekt verdienen sie natürlich kaum etwas. Gerade eben genug, um sich Essen und Kleidung zu besorgen.


Wie kommen die Schlepper denn überhaupt an die Kinder heran? Sind die nicht bei ihren Familien?

Es sind meistens Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen bereits von Zuhause weggelaufen sind. Mädchen fliehen häufig, wenn sie als Haushaltshilfe zu entfernten Verwandten geschickt werden, die sie schlecht behandeln. Andere fliehen vor einer Kinderheirat, zu denen sie von ihren Eltern gezwungen werden. Häufig aber eben auch, weil sie in ihren Familien nicht genug zu essen bekommen.


Wie viele Kinder werden denn in Ihrer Diözese verschleppt?

Allein in unserer Region kann man davon ausgehen, dass pro Jahr ungefähr 40 bis 80 Kinder auf diese Weise verschwinden.


Wie alt sind die Kinder, auf die es die Schlepper abgesehen haben?

Teilweise sind sie unter fünf Jahre alt. In der Regel sind aber Kinder zwischen zehn und 19 Jahren besonders gefährdet.


Sie haben ein Programm auf die Beine gestellt, mit dem Sie versuchen, genau diese Kinder zu befreien. Wo setzen Sie damit an?

Wir gehen als Streetworker auf die Straße. Dort leben die meisten Kinder, die verschleppt wurden und gleichzeitig sind Straßenkinder für die Schlepper die leichteste Beute. Dort arbeiten wir mit den Markthändlern, den Mitarbeitern der Busstation zusammen, die an den Orten sind, an denen sich auch die Kinder aufhalten. Und wir arbeiten mit der Polizei und dem Sozialamt zusammen. So können wir die verschleppten Kinder identifizieren und befreien.

Ghana

Hilfsprojekt gegen Kinderarbeit

Kinderarbeit und Kinderhandel sind in Ghana ein großes Problem. Das Land ist wirtschaftlich schwach, die Armut vor allem im Norden groß. Viele Kinder fliehen vor der Armut aus ihrem Elternhaus oder vor häuslicher Gewalt. Das „Centre for Child Development“ fängt diese Kinder auf und führt sie zurück in ein Leben mit Zulunft.

Mehr : Hilfsprojekt gegen Kinderarbeit

Finanziell unterstützt die Regierung Ihr Programm aber nicht?

Nein. Das Geld kommt von Spendern, wie denen vom Kindermissionswerk, die das alles überhaupt möglich machen.

 

Was passiert mit den Kindern, wenn Sie sie aus der Zwangsarbeit befreit haben?

Mit der Polizei und dem Sozialamt ermitteln wir ihre Herkunft und besuchen dann die Familie. Dort versuchen wir herauszufinden, was die Flucht des Kindes verursacht hat. Wir arbeiten gemeinsam an dem jeweiligen Problem. Wenn es um Hunger geht, diskutieren wir mit der Familie, wie wir die Situation verbessern können, z.B. mit Einkommen schaffenden Maßnahmen: schon der Kauf einer Ziege kann langfristig zu einem kleinen Einkommen beitragen. Das ist ein längerer Prozess. Wir schicken die Kinder nicht einfach zurück in ihre Familien und lassen sie dann allein. Nach der Wiedereingliederung besuchen wir sie weiter vierteljährlich, um sicherzustellen, dass sie ihr Leben gut weiter führen können.


Bekommen die Kinder auch psychologische Hilfe?

Ja. Wenn Kinder in gefährliche Situationen geraten, werden sie traumatisiert. Das versuchen wir mit ihnen zu verarbeiten. Während wir die Familie auf die Rückkehr vorbereiten, betreuen wir das Kind in unserem Zentrum.


Gehen die Kinder dann auch wieder zur Schule?

Wenn sie noch im Schulalter sind, helfen wir ihnen in die Schule zurückzukehren. Sind sie schon älter, versuchen wir sie in ein Ausbildungsprogramm zu integrieren, sodass sie danach eine gute Arbeit finden, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.


Was ist die größte Motivation, die Sie aus Ihrer Arbeit ziehen?

Dass die Kinder wieder Selbstachtung entwickeln. 


Interview: Mareille Landau

Unser Spendenkonto
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BIC: GENODED1PAX


Das Sternsingen ist im Dezember 2015 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden.