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Brasilien

„Wir können nicht länger schweigen“

Akute Bedrohung und vielfache Menschenrechtsverletzungen: Eliseu Lopes, Sprecher des Volkes der Guaraní Kaiowá, berichtet über die schwierige Lage der Indigenen im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul.

„Angesichts des Leidens unseres Volkes können wir nicht länger schweigen“, unterstrich Eliseu Lopes, Sprecher der Guaraní Kaiowá im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul, bei einem Besuch im Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger’ in Aachen. „Wir müssen unsere Stimmen erheben und auf unsere extrem schwierige Situation aufmerksam machen.“ Die Guaraní Kaiowá gehören zur indigenen Bevölkerung Brasiliens. Diese besteht aus 241 Gruppen ­– insgesamt etwa eine halbe Million Menschen. Zu den Guaraní, dem größten indigenen Volk Brasiliens, gehören etwa 51.000 Menschen.

Mehr Platz für Rinder als für Menschen

„Unser Volk ist akut bedroht: Wir leben unter erbärmlichen Bedingungen. Vertreibungen und gewaltsame Übergriffe sind an der Tagesordnung, unsere Kinder sind dadurch verängstigt und traumatisiert.“ Eindringlich beschreibt Lopes die verzweifelte Lage der Guaraní Kaiowá. Sie sowie Angehörige anderer indigener Völker wurden teils schon vor mehr als zwei Jahrzehnten aus ihrem angestammten Land vertrieben, um einer extensiven Vieh- und Landwirtschaft Platz zu machen. „Den Rindern wird mehr Platz zugestanden als uns Indigenen“, prangert Lopes die Vertreibungen durch Großgrundbesitzer an. Die Regierung sei bisher kaum ihrer rechtlichen Verpflichtung nachgegangen, den Guaraní Kaiowá zumindest teilweise ihr traditionelles Land zurückzugeben.

Heute leben die Guarani Kaiowá entweder eingepfercht in Reservaten oder in provisorischen Zeltplanen-Lagern am Rande von Fernstraßen. Ihre Unterkünfte sind äußerst prekär. Es fehlt an sauberem Trinkwasser und an bebaubarem Ackerland. Der Großteil der Guarani Kaiowá ist mangel- oder unterernährt. Im nationalen Vergleich sind die Kindersterblichkeitsrate sowie die Suizidrate unter Jugendlichen überdurchschnittlich hoch. In den rund 20 Lagern in Mato Grosso do Sul gibt es kaum oder keine Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Viele Kinder müssen lange Wege auf sich nehmen, um eine Schule besuchen zu können. „Dort werden sie oft stark diskriminiert“, klagt Lopes. „Ihre Sprache und Kultur werden nicht gefördert. Sie werden verspottet und benachteiligt.“ Die Forderung der Guaraní Kaiowá nach einem differenzierten, zweisprachigen Unterricht, der auch die Geschichte, Kultur und Tradition der indigenen Völker berücksichtige, werde von den Behörden ignoriert.    

Internationale Unterstützung vonnöten

„Wir haben lange gehofft, dass die Regierung ihre Versprechen halten, die indigenen Rechte besser schützen und uns unser Land zurückgeben würde. Doch das ist nicht geschehen.  Deshalb haben wir uns entschieden, in unsere angestammten Gebiete zurück zu kehren und unsere Forderungen auch international publik zu machen“, unterstrich Lopes, der wegen seines Einsatzes für sein Volk immer wieder Todesdrohungen von Großgrundbesitzern und bewaffneten Gruppen erhält. Lopes berichtete während seiner Reise nach Europa gemeinsam mit Flàvio Vicente Machado vom Indigenenmissionsratt CIMI auch vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf und vor Abgeordneten der Europäischen Union in Brüssel von der verzweifelten Lage der Guaraní Kaiowá in Mato Grosso do Sul. „Wir möchten deutlich machen, dass wir internationale Unterstützung brauchen, damit wir nicht mehr bedroht, diskriminiert und als minderwertig angesehen und unsere Rechte endlich respektiert werden“, so Lopes. „Für unsere Kinder wünschen wir uns, dass wir unsere Erde zurückbekommen, dass sich unsere Lebensbedingungen verbessern und dass unser Volk, unsere Sprache und unsere Kultur anerkannt und respektiert werden.“

Indigene Völker sind bedroht

  • Rund eine halbe Million Menschen in Brasilien sind indigen, das heißt, dass ihre Vorfahren schon vor der Kolonisierung durch die Europäer auf dem Gebiet des heutigen Staates Brasilien sesshaft waren und ihre Völker trotz jahrhundertelanger Verfolgung und Ausbeutung überlebt haben.

  • 241 indigene Gruppen gibt es heute noch in Brasilien, viele konnten ihre eigene Sprache und Traditionen erhalten, doch die meisten sind akut bedroht: „Die indigene Bevölkerungsminderheit Brasiliens erlebt derzeit die schwerwiegendste Bedrohung ihrer Land- und Lebensrechte seit der Militärdiktatur (1964-1985)“, berichtet Meinolf Schröder, Brasilien-Länderreferent im Kindermissionswerk. „Sie ist systematischen Menschenrechtsverletzungen, Verfolgungen, Vertreibungen und Gewalt durch Holz- und Agrarindustrie, Bergbau und den Energiesektor ausgesetzt – nicht selten unter staatlicher Beteiligung.“  

So hilft unser Projektpartner CIMI

  • Der Indigenenmissionsrat CIMI (Conselho Indigenista Missionário) der Brasilianischen Bischofskonferenz ist ein langjähriger Projektpartner des Kindermissionswerks.

  • Es setzt sich über sein Nationalsekretariat in Brasília und in landesweit zwölf Regionalstellen für die Rechte und die Stärkung der indigenen Bevölkerung ein.

  • Im Bundesstaat Mato Grosso do Sul fördert das Kindermissionswerk Bildungs- und Kinderrechtsprogramme des CIMI: Besuche in den Familien, Workshops oder Gesprächskreise stärken bei den Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein für ihre eigene Lebenswirklichkeit, Werte und Traditionen.

  • Gleichzeitig vermitteltet das CIMI-Programm den indigenen Familien Kenntnisse über Kinder- und Indigenenrechte sowie Beteiligungsmöglichkeiten an politischen Prozessen und Interventionen. Die Kinder und Jugendlichen werden damit zur Hoffnung der Guaraní Kaiowá auf menschenwürdige Zukunft.

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