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Indien

Bildung für arbeitende Kinder

Der beißende Geruch von Kerosin steigt einem schon vor der Tür in die Nase. In einem dunklen Raum sitzt Neetu im Schneidersitz vor einer Flamme. Von fünf Uhr morgens bis acht Uhr abends schmelzt sie zusammen mit ihrer Familie bunte Glasringe – rote, blaue, grüne. Bis zu 15.000 Armreifen fertigen sie täglich in Akkordarbeit. Nur mittags machen sie eine kurze Pause.

Nach dem Tod des Vaters vor sieben Monaten hat Neetu seinen Arbeitsplatz eingenommen. „Die Arbeit hat ihn krank gemacht und zum Schluss konnte er nicht mehr atmen“, erzählt das Mädchen traurig. Auch Neetu und ihre Geschwister macht die Arbeit krank. „Jeden Tag wird mir schlecht. Ich bekomme Kopfschmerzen und muss dauernd husten“, sagt die Achtjährige.

Es ist ein Teufelskreis: Um Medikamente für den kranken Vater zu kaufen, musste die Familie Geld leihen. Das muss sie nun samt horrender Zinsen zurückzahlen. Neetus Mutter weiß genau, dass die Arbeit, die ihre Tochter täglich verrichtet, verboten ist und krank macht. „Aber was soll ich tun? Ich habe keine Wahl.“ 200 Rupien, weniger als drei Euro, beträgt das Tageseinkommen der Familie. Von dem Geld muss sie die Miete für das kleine Zimmer, Essen und den Kredit bezahlen.

 

„Zum Spielen habe ich keine Zeit. Dafür bin ich auch viel zu müde."

Neetu, 8 Jahre alt

Kinderarbeit ist trauriger Alltag

So wie Neetus Familie geht es im nordindischen Firozabad Tausenden. Ein Großtteil der Familien arbeitet in der Glasindustrie. Rund 200.000 Kinder – viele von ihnen im Kindergartenalter – schmelzen von früh morgens bis spät abends Rohlinge zusammen oder verzieren fertige Reifen mit Steinchen und Glitter. Dabei atmen sie ständig giftige Dämpfe ein. Neetu kann sich nicht vorstellen, dass anderswo Kinder nicht arbeiten müssen, dass sie zur Schule gehen, sich mit Freunden treffen und spielen können.

So helfen die Sternsinger

Dilip Sevarthi, Projektpartner der Sternsinger, bekämpft die Kinderarbeit mit Bildung und alternativen Erwerbsmöglichkeiten. 1992 gründete der Inder die Vikas-Stiftung. Das Wort „Vikas“ heißt übersetzt „Entwicklung“. Elf Frauen und Männer kümmern sich um arbeitende Kinder und ihre Familien. Das wichtigste Ziel ist, dass die Kinder zur Schule gehen, statt zu arbeiten. In kleinen, von der Stiftung gegründeten Schulen lernen sie Lesen, Schreiben und Rechnen, damit sie später auf eine staatliche Schule wechseln können. Kindesschutzkomitees der Stiftung klären die Familien über Kinderarbeit und die Rechte der Jungen und Mädchen auf. Gleichzeitig organisieren sich die Kinder selbst in Kinderparlamenten. Sie sprechen über ihre Rechte – zum Beispiel über das Recht auf Bildung oder über die Gleichberechtigung zwischen Jungen und Mädchen – und wie sie sie einfordern können.

Frauen organisieren sich in Selbsthilfegruppen

Die Mütter treffen sich regelmäßig in Frauenselbsthilfegruppen. Die Frauen sparen Geld auf einem gemeinsamen Konto. Zusammen wird entschieden, welche der Frauen einen Kredit bekommt, damit sie zum Beispiel eine Ziege oder eine Kuh anschaffen können. Durch den Verkauf von Milch oder Butter zahlen die Frauen ihre Kredite schnell zurück. Die neuen Einkommensquellen machen es ihnen außerdem leichter, auf die Arbeitskraft ihrer Kinder zu verzichten und sie stattdessen zur Schule zu schicken.

Bereits 10.000 Kindern geholfen

Bisher war die Vikas-Stiftung vor allem im ländlichen Raum tätig. In rund 100 Dörfern hat das Team von Dilip Sevarthi erreicht, dass 10.000 Jungen und Mädchen nicht mehr den ganzen Tag arbeiten müssen und zur Schule gehen können. Inzwischen hat die Stiftung ihre Arbeit auf den Distrikt Firozabad ausgeweitet. Auch hier profitieren mittlerweile 120 Kinder und ihre Familien von Unterricht, Kinderparlamenten und Frauenselbsthilfegruppen. Die Sternsinger unterstützen die Arbeit der Vikas-Stiftung bereits seit 15 Jahren.

 

Mit Ihrer Hilfe könnte sich Neetus grösster Wunsch erfüllen!

„Ich möchte in die Schule gehen! Damit ich später studieren und Ärztin werden kann. Dann kann ich kranken Menschen helfen.“