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Kindesschutz: fünf Fragen - zwei Experten

Kinder weltweit schützen

Sie sind im ständigen Austausch zum Thema Kindesschutz: Der Jesuitenpater Prof. Dr. Hans Zollner, Leiter des Kinderschutzzentrums „Centre for Child Protection“ (CCP) in Rom, und Dr. Franz Marcus, Beauftragter für den Kindesschutz im Ausland und Vorstandsmitglied des Kindermissionswerks. Im Interview berichten sie über die Zusammenarbeit und die aktuellen Herausforderungen im Engagement für den Kindesschutz.

Was genau ist die Aufgabe des Kindesschutzzentrums der Päpstlichen Universität Gregoriana?

Zollner: Das Kinderschutzzentrum „Centre for Child Protection“ (CCP) der Gregoriana in Rom möchte das Bewusstsein schaffen, dass Kinder heute weltweit missbraucht und misshandelt werden. Wir möchten das den kirchlichen Stellen wirklich ins Stammbuch schreiben, dass sie aufpassen und alles tun, damit Kinder sicher sind und sicher aufwachsen können. Und wir möchten auch darüber hinaus wirken, zum Beispiel mit unseren Ausbildungsprogrammen für Menschen, die mit Kindern arbeiten oder die für Institutionen verantwortlich sind, in denen Kinder und Jugendliche zur Schule gehen, Sport machen oder Freizeit gestalten.

 

Wofür steht die Kooperation des Kindesschutzzentrums mit dem Kindermissisonswerk?

Marcus: Das CCP in Rom und das Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ sind beides päpstliche und international tätige Organisationen, die sich für den Schutz gefährdeter Kinder und Jugendlicher weltweit einsetzen. Ziel unserer Zusammenarbeit ist es, die Ortskirchen in der Welt bei der Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Minderjährige zu unterstützen. Das soll vor allem durch Präventionsmaßnahmen und spezifische Schulungen der Verantwortungsträger erreicht werden. Das CCP verfügt über eine große Expertise und hochwertige Schulungsinstrumente – etwas einen Diplom- bzw. Masterkurs in Rom sowie einen E-Learning-Kurs zur Ausbildung von Multiplikatoren und kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort. Wir als Hilfswerk verfügen über vielfältige internationale Kontakte zu kirchlichen und zivilen Netzwerken sowie über langjährige Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen in Afrika, Asien, Ozeanien, Lateinamerika und Osteuropa. Gemeinsam tauschen wir uns mit Vertretern von Bischofskonferenzen, Ordensoberenkonferenzen, katholischen Universitäten, Priesterseminaren, Bildungseinrichtungen und Ähnlichem aus und diskutieren mit ihnen über die Notwendigkeit und die Möglichkeit, Präventionsmaßnahmen in ihren Einrichtungen zu implementieren und ihr Personal entsprechend zu schulen.

Wenn alle kirchlichen Mitarbeiter, die mit Kindern arbeiten, eine Präventionsschulung erhalten sollen, wie das bei uns im Kindermissionswerk ja schon der Fall ist, dann ist das in unseren Partnerländern eine enorme Herausforderung, wenn man beispielsweise bedenkt, dass es in einem Land wie den Philippinen mehr als 15.000 katholische Schulen mit Millionen Schülerinnen und Schülern und Hunderttausenden Lehrpersonen gibt. Das größte Problem besteht darin, dass in vielen Ländern bisher kaum Ausbildungspersonal vorhanden ist, das spezifische Kindesschutzschulungen durchführen könnte. Die Ausbildung von Ausbildern ist also eine erste große Herausforderung, bei der das CCP unverzichtbar ist. Wir stehen hier vor einem langen Prozess, für den wir einen ebenso langen Atem brauchen. Aber wir müssen ihn Schritt für Schritt angehen. Hinzu kommt, dass ja nicht nur die erwachsenen Erziehungsberechtigten geschult werden müssen, sondern auch die Kinder und Jugendlichen selbst über ihre Rechte informiert werden.

Was sind die aktuell größten Herausforderungen des Kindesschutzzentrums?

Zollner: Wir merken, dass die reine Übermittlung von Wissen allein, auch wenn es gut aufgearbeitet ist und nach heutigen Standards präsentiert wird, noch nicht reicht, um zu einem Bewusstseinswandel zu kommen. Wie können wir von einer reinen Wissensvermittlung vom Kopf zum Herzen gelangen? Wie fließt es in eine Bewusstseinsveränderung ein, und wie kommt es dann auch zu den „Händen“, die andere Umstände schaffen, damit Kinder sicher sein können? Das ist momentan einer unserer großen Schwerpunkte in der Revidierung unserer Programme.

Wenn Sie auf die Arbeit der letzten Jahre zurückblicken: Wo gibt es Erfolge zu verzeichnen, und wo sehen Sie noch Verbesserungspotential?

Marcus: Als Erfolg werte ich vor allem die vielen Gespräche, die ich seit 2017 in fast 30 Ländern auf fünf Kontinenten mit Kardinälen, Bischöfen, Ordensoberen, Nuntien und Verantwortlichen von Universitäten führen konnte. Erfreulich waren dabei besonders die Offenheit und das Interesse meiner Gesprächspartner. Das war bei einem so heiklen Thema wie Missbrauch in der Kirche nicht selbstverständlich, und ich hatte am Anfang auch nicht damit gerechnet. Fast alle Gesprächspartner zeigten sich dankbar für die Kooperationsmöglichkeiten mit dem Kindermissionswerk und dem CCP und vor allem für die Möglichkeit, die Schulungsangebote nutzen zu können. In vielen Fällen hatten die Gesprächspartner noch gar nicht auf die Folgen des sexuellen Missbrauchs reagiert, weil sie sich entweder nicht selbst betroffen fühlten oder schlicht nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Viele Partner erkannten erst durch unsere Gespräche, dass die Kirche hier vor einer großen Herausforderung steht und dass dringender Handlungsbedarf besteht. Sie verstanden, dass es nicht nur darum geht, die kirchlichen Räume zu Orten zu machen, an denen die Kinder und Jugendliche sich sicher fühlen können – das müsste ja selbstverständlich sein –, sondern dass es vielmehr auch darum geht, Kinder aufzufangen und zu betreuen, die beispielsweise in ihren Familien missbraucht werden und traumatisiert sind.

In manchen Ländern erlebt jedes dritte oder sogar jedes zweite Kind sexuelle Gewalt, und viele von ihnen besuchen ja katholische Schulen oder Sozialeinrichtungen. Etliche Gesprächspartner ergriffen unmittelbar nach meinem Besuch konkrete Maßnah-men zur Prävention und Schulung, andere brauchen länger Zeit, um sich zu organisieren. Es gibt zweifelsohne Länder, in denen die Kirche auch nach den klaren Aussagen und Anordnungen des Papstes noch keine Priorität in der Missbrauchsprävention sieht. Das Gespräch gezielt mit Vertretern dieser Kirchen zu suchen und sie von der Notwendigkeit konkreter Maßnahmen zu überzeugen, darin sehe ich eine große Aufgabe in den kommenden Jahren.

Wie soll die zukünftige Zusammenarbeit aussehen?

Zollner: Wir müssen eine „Global Alliance“, ein weltweites Netzwerk von Akteuren im Kindesschutz, sein und dieses Netzwerk mit unseren vielen Partnern und den damit verbundenen Kompetenzen effizient nutzen. Wir müssen auf akademischer, pastoraler, sozialer und edukativer Ebene gemeinsam mit den Sternsingern ein Modell entwickeln, um ein effektives Netzwerk zu gründen und auszubauen, so dass Ressourcen leichter verfügbar sind – über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg.

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