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Aktion Dreikönigssingen 2021

Willi über seine Reise in die Ukraine

„Was heißt es, über Monate von den eigenen Eltern getrennt zu sein?“, diese Frage stellt sich der TV-Reporter Willi Weitzel. Im Interview zur kommenden Aktion Dreikönigssingen versucht er, darauf eine Antwort zu finden, denn in diesem Jahr stehen Mädchen und Jungen, die ohne Eltern aufwachsen müssen, im Mittelpunkt der Sternsingeraktion.

Willi, in den letzten Jahren bist Du um die halbe Welt gereist, um Sternsinger-Projekte zu besuchen. Dieses Mal ging es nicht ganz so weit. Wo warst du?

Tatsächlich ging es ja in den letzten Jahren entweder nach Afrika, Südamerika oder Südostasien. Bei der nächsten Sternsinger-Aktion aber stehen Kinder in der Ukraine im Fokus. Also bin ich mit meinem Team in Europa geblieben. Wer von Deutschland aus in die Ukraine reisen will, der muss eigentlich mehr oder weniger nur Polen durchqueren, denn Polen grenzt an die Ukraine. Vor meiner Reise stand die Ukraine bei mir vor allem für Tschernobyl, für den leider immer noch andauernden Krieg mit Russland im Osten des Landes und natürlich für die beiden Brüder Vitali und Wladimir Klitschko, die legendären Boxer. Ich bin jetzt nicht durch das ganze Land gereist, also die Ukraine ist ja fast doppelt so groß, wie Deutschland. Ich habe Projekte besucht, die von den Sternsingern unterstützt werden, und die liegen so grob im Nordwesten des Landes; am Rande des berühmten Karpaten-Gebirges.

Was hat dich auf deiner Reise am meisten beeindruckt?

Auf den Punkt gebracht: Die Menschen, die weiten Landschaften, das sensationelle Essen und auch ein wenig das Gefühl auf einer Zeitreise in die Vergangenheit zu sein, es fahren alte Autos, die man noch aus der DDR kennt, herum, nicht selten sind auch Pferdekutschen unterwegs, da wird auf dem Land stellenweise Wasser in Eimern aus Brunnen geschöpft, die Frauen tragen Kittelschürzen und Männer mit Bärten tragen Arbeiteranzüge. Aber die Ukraine ist auch sehr modern, das Handynetz war besser als bei uns.

Seit 2014 kommt es, vor allem im Osten der Ukraine, immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen pro-russischen Milizen und ukrainischen Regierungssoldaten. Die im Jahr 2015 ausgehandelte Waffenruhe ist bis heute brüchig. Was spürt man von dem Konflikt im Land?

Das Gebiet, in dem der Krieg immer noch wütet, war zum Glück weit weg von uns, zumindest geografisch, aber nichtsdestotrotz merkt man den Krieg: Jede Ortschaft hat große Tafeln, meist mit Fotos von Soldaten, angebracht, die im Krieg kämpfen oder dort gefallen sind. So was schürt natürlich den Nationalstolz. Und deshalb ist der Konflikt mit dem riesigen Nachbarland Russland vor allem emotional spürbar. In einem Interview mit zwei Kindern, das waren Schwestern, zehn und sieben Jahre alt, habe ich gefragt, was ihre größten Wünsche sind. Einer ihrer drei Wünsche war, „Dass der Krieg endlich aufhört“. Das Land hat genügend Probleme, um die es ja auch in diesem Jahr bei der Sternsingeraktion geht, und dieser Krieg ist deswegen noch eine zusätzliche Belastung und so unnötig wie jeder andere Krieg auch.

„Ich habe gemerkt, dass sein Herz, sein eigentlich weiches Kinderherz, hart wie ein Stein war." - Willi über seine Begegnung mit Maxim.

Das Motto der 63. Aktion Dreikönigssingen lautet: Kindern Halt geben – in der Ukraine und weltweit. Du hast viele Mädchen und Jungen getroffen, die oft auf Mutter oder Vater verzichten müssen. Welche Begegnung ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Was mich wirklich betroffen gemacht hat, war ein Junge (Maxim, Anm. d. Red.), der einerseits mit mir über sein Leben ohne Eltern reden wollte, aber als es dann dazu kam, hat er keine Worte finden können. Der Junge lebt bei seiner verwitweten Großmutter. Der Vater hat sich aus dem Staub gemacht und hat im letzten Jahr nur einmal für ein paar Stunden vorbeigeschaut. Und die Mutter des Jungen hat, aus der Not heraus, in der Ukraine keine vernünftig bezahlte Arbeit zu finden, in Polen eine Arbeit gesucht und gefunden, weshalb sie seit acht Monaten nicht mehr zuhause war. Und nicht mal an Weihnachten frei hatte und nur ein Päckchen schicken konnte. Dieser Junge hat mir wirklich leidgetan, und ich habe gemerkt, dass sein Herz, sein eigentlich weiches Kinderherz, hart wie ein Stein war.

Was bedeutet es für Kinder, wenn sie ohne Eltern aufwachsen müssen, was können die Folgen sein?

Ich war zwölf Tage in der Ukraine unterwegs. Natürlich habe ich meine eigene Familie vermisst, aber die Papa-Sehnsucht meiner drei Töchter, die war schon sehr zu spüren. Aber was heißt es, über Monate von den eigenen Eltern getrennt zu sein? Wenn man sich mal in die eigene Kindheit zurückversetzt, dann kommen einem da schon selbst die Antworten. Allein ganz praktische: wer zieht mich an, wer kocht für mich, wer kauft mir die Klamotten, die ich mir so sehr wünsche, wer backt den Geburtstagskuchen, wer hört mir zu, wenn ich nach der Schule nach Hause komme und bei wem kann ich mein Herz ausschütten, wenn ich traurig bin. Kinder entwickeln sich ja ständig, und jedes Alter hat seine ganz speziellen Bedürfnisse, ob es sich um die Einschulung, die erste Heilige Kommunion oder um die Pubertät dreht. Eltern müssen da so einiges leisten und haben die Aufgabe da zu sein, um ihren Nachwuchs zu beschützen und zu unterstützen. Kinder, die auf sich alleine gestellt sind oder nur ihren Opa oder ihre Oma an der Seite haben, können ihre Kindheit, also diese entscheidende und einmalige, nicht zu wiederholende Zeit ihres Lebens, kaum ohne Schaden überstehen. Dieses Zurückgelassen werden von den eigenen Eltern ist eine große Enttäuschung, die Kinder verletzt. Denn die wenigsten Kinder verstehen, dass ihre Eltern nur das Beste für die Familie wollen, wenn sie weit weg ins Ausland gehen, um dort Geld zu verdienen, was es im eigenen Land nicht gibt. Ein sehr unbequemes Problem unserer Welt, das es nicht nur in der Ukraine gibt.

Wie hast du dich verständigt und zurechtgefunden? Konntest du die Speisekarte lesen?

Ich hatte zwar eine sehr schlaue Übersetzungs-App auf meinem Handy, aber ohne Dolmetscherin wäre ich verhungert, na ja zumindest ziemlich oft aufgeschmissen gewesen.

Apropos Speisekarte. Seitdem ich in der Ukraine war, gibt es bei uns jetzt regelmäßig Rote-Beete-Carpaccio. Ganz dünn aufgeschnittene frische Rote Beete mit Olivenöl und Pfeffer und Salz.

Auf welche drei Dinge hättest du in der Ukraine auf keinen Fall verzichten können?

1. meine lange Unterhose,

2. die Fell-Einlagen in meinen Schuhen,

3. meine wunderbaren Kolleginnen und Kollegen meines Kamerateams und vom Kindermissionswerk aus Aachen, die durch die intensiven Reisen der letzten Jahre zu echten Freunden geworden sind.

Was möchtest du den Sternsingern mit auf den Weg geben?

Das Wichtigste bei der Sternsingeraktion ist ja das Rausgehen, die Leute besuchen, die Häuser zu segnen und Geld für Kinder in Not zu sammeln. Ich wünsche Euch Sternsingern, dass Ihr gute Lösungen findet und Euch trotz Corona dann rund um den 6. Januar wirklich auf den Weg macht. Denn es gibt so viele Kinder weltweit, nicht nur in der Ukraine, die auf die Spenden, die Ihr sammelt, angewiesen sind. Also: traut Euch und macht mit, schützt Euch gegen blöde Viren und seid Euch jederzeit gewiss: Sternsinger stehen und gehen unter einem guten Stern.

Reporter Willi Weitzel reist für euch Sternsinger in die Ukraine. Dort trifft er die Geschwister Nastia und Kola, Maxim und viele weitere Kinder. Sie alle müssen ohne Mutter, Vater oder beide Elternteile aufwachsen: Um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, arbeiten ihre Eltern im Ausland, und die Familien sind oft für lange Zeit getrennt. Die Situation ist für niemanden einfach. Obwohl die Kinder verstehen, warum die Eltern im Ausland sind, vermissen sie sie sehr. Hilfe bekommen sie in den Kinderzentren der Caritas. Hier können Nastia, Kola, Maxim und die anderen Kinder Hausaufgaben machen und ihre Freizeit verbringen. Den Familien bietet die Caritas psychologische und praktische Hilfe im Alltag.

Hier geht es zur Version mit einer Gebärden-Dolmetscherin!

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