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In indischen Steinbrüchen werden Kinder ausgebeutet – auch für deutsche Grabsteine

„Das ist schleichender Mord“

Seit November berät Benjamin Pütter das Kindermissionswerk ,Die Sternsinger‘ zum Thema Kinderarbeit. Beraten – für den 57-Jährigen ist das nichts, was man nur vom Schreibtisch aus tun kann. „Ich arbeite immer vor Ort, gehe investigativ vor und spreche viel mit den Kindern“, erzählt er. Erst vor einigen Wochen war Pütter gemeinsam mit einem Reporter des SZ-Magazins im Gebiet um das südindische Chennai unterwegs. Ihre Recherchen für die Ausgabe vom 4. März 2016 zeigen, dass auch Grabsteine auf deutschen Friedhöfen aus Steinbrüchen stammen, in denen Kinder arbeiten.

Zehn Tage dauerte die Reise. Zuerst kamen sie mit ihren Recherchen nicht voran, doch dann der Volltreffer: „Wir kamen genau zu dem Zeitpunkt zu einem Steinbruch, als gerade jemand rausfuhr – pures Glück. Die Chance haben wir genutzt und sind einfach rein“, erzählt Pütter. Um an weitere Informationen wie z.B. Namen von Händlern zu gelangen, schlüpfte er in die Rolle eines Steinimporteurs aus Deutschland, der an der Qualität der Steine, nicht aber am Schicksal der betroffenen Kinder interessiert ist. Diese Rolle durchzuhalten, fiel ihm äußerst schwer, denn er musste mit ansehen, wie in nächster Nähe Kinder an für sie viel zu schweren und ohrenbetäubenden Maschinen arbeiteten, ohne jeglichen Schutz vor Lärm oder Staub. „Wenn Kinder dort arbeiten, ist das schleichender Mord“, sagt Pütter.

Video: Benjamin Pütter über Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen

Hunderte Kinder aus der Sklaverei befreit

Schon seit vielen Jahren engagiert sich Pütter für arbeitende Kinder, die ausgebeutet werden. Vor allem die Situation von Jungen und Mädchen in Indien kennt er gut – 79 Mal ist er bereits auf den Subkontinent gereist. Gemeinsam mit Partnern in Indien konnte Pütter bisher 384 Kinder aus der Sklaverei befreien. Sehr bewegt schildert er, wie es den Kindern danach erging: „Die Kinder weinen nicht, sie lachen nicht. Nichts! Wenn sie dann in einem Hilfsprojekt so langsam begreifen, was ihnen widerfahren ist, dann weinen sie – endlich, und das manchmal wochenlang. Irgendwann fangen sie dann sogar an zu lachen.“

„Kinderarbeit ist für mich,
wenn ein Kind nicht in die Schule gehen darf,
weil es arbeiten muss.“

Benjamin Pütter, Kinderarbeitsexperte im Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘

„Auch ich konsumiere Dinge aus Kinderarbeit“

Doch was haben wir in Deutschland damit zu tun, wenn in Indien Kinder ausgebeutet und versklavt werden? Die Recherchen für das SZ-Magazin haben letztlich einen schlimmen Verdacht bestätigt: Steine aus indischen Steinbrüchen, in denen Kinder unter unwürdigsten Bedingungen arbeiten, landen als Grabsteine auch auf dem deutschen Markt. Indien mag also weit weg von Deutschland liegen, doch das Problem ausbeuterischer Kinderarbeit ist zum Greifen nah und damit auch die Frage nach der eigenen Verantwortung.

Und das gilt nicht nur für Grabsteine. „Auch ich konsumiere Dinge aus Kinderarbeit“, gibt Pütter offen zu. Es sei gar nicht möglich, auf alle Produkte zu verzichten, an denen Kinder beteiligt waren – so perfekt könne in dieser Welt keiner sein. Wichtig sei etwas anderes: „Wenn jeder sagt, das ist meine Sache, ich werde zum Beispiel bei Schokolade darauf achten, nur noch Fair-trade-Schokolade zu kaufen – super! Dann ist ein Anfang gemacht.“